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  • AutorenbildKerstin

Kreatives Schreiben im skill tree-Waldspaziergang

Waldspaziergänge laden zum Im-Moment-sein ein. In einer Sommerausgabe des ortsunabhängigen skill tree-Waldspaziergang im Jahr 2022 widmeten wir uns einer besonderen Herangehensweise genau dessen: Mit einer Schreibaufgabe ging es diesmal auf in den Wald.


Die Teilnehmer:innen Arne, Jutta, Theresa und Ulrich waren aus Bergisch-Gladbach, Köln, München und Aachen mit dabei, machten sich auf einen Waldspaziergang in ihrer Gegend auf und kamen mit wunderschönen Texten zurück. Ich freu mich riesig, zu sehen, was an einem Nachmittag Schönes entstehen kann, wenn wir den Mythos von Perfektionismus loslassen und "einfach mal machen". Wer mag: Hört und lest selbst ♡




Hypothese


Was, wenn die Blätter auf dem Wasser nicht hin und her geschaukelt würden?

Was, wenn in den Bäumen hinten links, hinten rechts und vorne rechts nicht die Vögel zwitschern würden?

Was, wenn die Blässhühner nicht geräuschvoll ins Wasser eintauchen würden?

Was, wenn das kleine Blässhuhn nicht nach den Großen rufen würde?

Was, wenn keine Spaziergänger, Hunde, Jogger, Kinderwagen und Rollstühle an mir vorbeigehen und -fahren würden?

Was, wenn nicht das Geräusch eines weit oben fliegenden Flugzeugs zu hören wäre?

Was, wenn nicht hin und wieder eine Haselnuss vom Baum ins Wasser fallen würde?

Was, wenn es nicht hinter mir im Gebüsch rascheln würde?

Was, wenn ich nicht das Kindergeplapper vom etwas entfernten Spielplatz hören würde?

Was, wenn die Biene nicht um mein Ohr summen würde?

Und was, wenn ich nicht den leisen Windhauch spüren würde?

Wäre ich dann berührt?

Ich bin berührt: Von der Blässhuhn-Familie. Von den Haselnuss-Sammlern. Von den in Gummistiefeln schlurfenden Kinderfüßen. Von den Flugzeugen.

Benötigt es Bewegung um zu berühren?

Muss sich etwas „rühren“?

So, wie aus den Zutaten erst durch das Rühren ein Kuchen wird?

So, wie wenn meine Hand ins Wasser taucht und leise Wellen erzeugt, die sich dann in Ringen immer weiter bewegen, auch dann noch, wenn es an der Stelle, an der ich meine Hand eingetaucht habe, schon wieder still ist?

Eine Hypothese!

Berühren. Berührt werden. Berührt sein.

von Jutta im Sommer 2022

Mehr von Jutta findest Du auf ihrem > Blog “Mein Projekt 2020”.

 

Ich bin


Ich bin. Die würzige Sommerluft lässt einen heißen Tag erahnen, aber noch ist die Sonne nicht hinter dem kleinen Glockenturm hervorgekommen und in seinem Schatten schenkt mir die letzte Kühle der Nacht ein erfrischendes Ankommen in diesem Morgen. Stimmen klingen über den kleinen Platz in einer vertraut-fremden Sprache. Wort- und Sinnfetzen kitzeln mein Bewusstsein, ohne sich darin einzunisten. Meine ganze Aufmerksamkeit gilt der Tasse Milchkaffee, die frischgebrüht und beglückend einfach vor mir steht. Ohne Begleitschnickschnack. Tasse, Löffel und das obligatorische Stück Zucker, in Papier eingewickelt. Mehr braucht es nicht.


Ich bin. Der heiße Kaffee lässt den Gaumen reagieren und nimmt mich mit einem süßen Schmerz für einen Moment ganz gefangen. Welch pures Glück, mit dieser starken Empfindung den Tag zu beginnen. Noch habe ich meine Antennen nicht auf die Welt ausgerichtet, kein bekanntes Gesicht gesehen. Abgesehen vom hageren Kellner, der mir den Kaffee bringt, wie an den anderen Morgen auch. Zwei drei Sätze gehen hin und her, die den Panzer der Anonymität aufzubrechen wissen, ohne Komplizenschaft zu verlangen.

Ich bin. So langsam belebt der Kaffee meinen Geist und das frisch gebackene Croissant liefert Energie. Das Buch vor mir auf dem Tisch weckt meine Leselust. Abtauchen aus dieser friedlichen Welt tiefster Ländlichkeit, hinein in die Ermittlungen am Nordseestrand. Reiz der Gegensätze, die Dosis bestimme ich. Hin und wieder auftauchen, einen Schluck Kaffee trinken, dem Plaudern einer Gruppe älterer Herren lauschen, die im Profidress der Tour de France am frühen Morgen schon mehr als 40 Kilometer zurückgelegt haben. Andere Welt, aber gerade meine Welt. Die Dosis bestimme ich.


Ich bin. Die Welt ist über Nacht nicht plötzlich friedlich geworden, die Probleme haben sich nicht so einfach in Luft aufgelöst. Aber ich darf sein, die Kraft des Augenblicks schöpfen. Wie ein lichtempfindlicher Film liegt meine Seele bereit, die Eindrücke zu speichern, die meine Sinne einfangen. Gut bewahrt sind sie da im schützenden Raum, von der grellen Beleuchtung des Alltags abgeschirmt. Bereit, wieder abgerufen zu werden, wenn die Zeit gekommen ist.

Ich bin. Glücklich.

von Arne im Sommer 2022


 

Ich sitze an meiner Harfe



Ich sitze an meiner Harfe – wie so oft, seit mittlerweile 30 Jahren. Auch ohne Noten wissen meine Finger genau, wie sie die Saiten berühren müssen, um einen schönen Klang zu erzeugen. Einen hellen Ton mit den oberen, glatten, etwas härteren Saiten. Einen dunklen, warmen Ton mit den unteren, rauen, etwas weicheren Saiten. Der Druck und das Gewicht auf meiner rechten Schulter sind mir vertraut, es fühlt sich richtig an, nach Geborgenheit und Sicherheit. Ich muss an die Aussage eines französischen Harfenisten denken, dass man die Harfe während des Spielens umarmt. Der Gedanke gefällt mir. Ich lasse meine Finger über die Saiten laufen, versuche Komplexität raus zu nehmen, indem ich mit den Händen abwechselnd spiele und in einer Tonart bleibe. Ich versuche es einfach zu halten, so wie ich es im Improvisationskurs gelernt habe. Dennoch fällt es mir schwer den Kopf auszuschalten und im Moment zu bleiben. Nicht gleich wieder Druck aufzubauen, dass da jetzt etwas Tolles entstehen muss. Ich denke daran wie lange meine Harfe mich jetzt schon begleitet. Ich weiß es nicht genau, nicht von Anfang an, aber sie muss ungefähr so alt sein wie ich. Ich denke an die Menschen, die nicht mehr da sind, aber die auf unterschiedliche Weise mit dieser Harfe verwoben sind. Ein Gegenstand nur, aber so voller Leben, Gefühle und Erinnerungen.


Ich spiele bewusst leise, nur für mich. Es fällt mir jetzt leichter, die Finger einfach laufen zu lassen.


Den Moment fühlen


Den Moment zu fühlen, was bedeutet das? Mehr als nur im Moment zu sein jedenfalls, nicht nur selbstvergessen im Flow zu sein, im Autopilot-Modus, sondern ganz bewusst wahrzunehmen und zu spüren. Mit allen Sinnen. Oder vielleicht nicht mit allen. Jedenfalls bewusst.


Wer kann einem so etwas beibringen? Wer kann so etwas gut? Natürlich: die Katzen! Immer wieder denke ich unterwegs daran, wie gut eine Katze im Moment sein und den Moment fühlen kann, wenn sie sich genießerisch den Bauch kraulen lässt. Ohne Gedanken und Sorgen, die um Vergangenheit oder Zukunft kreisen. Zumindest hat es diesen Anschein.

Was brauche ich, um den Moment so richtig zu fühlen, frage ich mich. Alleinsein, Draußensein sind meine erste Assoziationen. Ruhe, Stille, Innehalten, in der Natur. Geschlossene Augen? Hmmm. Damit blende ich ja einen Sinn aus. Stille und Stillstand kommen in der Natur gar nicht vor. Warum möchte ich mich nun darin üben, etwas Unnatürliches anzustreben? Reizt uns, was wir nicht oder nur schwer bekommen können? Das scheint ein seltsamer Widerspruch zu sein. Aber es ist doch durchaus möglich, einen Moment ganz bewusst zu erleben. Am besten gelingt dies wahrscheinlich, wenn man es nicht erzwingen will. Zulassen, den Moment auf mich zukommen lassen. Nicht so sehr nach ihm zu greifen. Es hat etwas mit Leichtigkeit zu tun...


Der Fußmarsch zum Wald ist lang. Meine linke Wade schmerzt und fühlt sich merkwürdig verkrampft an. Ich ignoriere es. Grauer Himmel. Abgeerntete Felder, "ausgeräumte Landschaft". Trostlos. Nur ein paar Vögel. Eine Spaziergängerin kommt mir entgegen. Kaum im Wald, fühle ich mich schlagartig besser. Ist es das Grün der Bäume? Die angenehmere Luft? Das Abgeschottetsein von der Straße und den Autos? Ich genieße den Moment für gerade einmmal 10 Sekunden, bis der erste Mountainbiker hinter mir mich zwingt, Platz auf dem Weg zu machem. Vorbei der Moment. Einige Sekunden später die nächste Mountainbikerin.


Ich suche mir eine Sitzgelegenheit am Waldrand. Ich möchte tiefer in den Wald, aber ich muss bald zurückgehen. Ich raste hier für ca. 20 Minuten und schließe zeitweise die Augen. Das Rauschen von der Autobahn in einiger Entfernung verblasst. Ich höre auch Vogelgezwitscher, immerhin. Fast keine Menschenseele stört mich, während ich auf der steinernden Bank sitze. Ich denke an nichts bewusst. Wenn auch nicht bewusst an nichts. Ich lasse einfach los. Kein Gedankenkreisen. Ich bekomme eine Kostprobe davon, den Moment zu fühlen. Das Augenöffnen danach fühlt sich an wie nach einer Meditation oder autogenem Training... Und ich merke: Mir fehlt Wald. Irgendwie ist hier zu wenig, und zu weit weg. Ich möchte mehr davon, möchte öfter dahin. Am besten, ich komme morgen noch einmal in Ruhe wieder hierher. Ich stehe auf, meine Wade bringt sich zurück in Erinnerung, und ich mache mich auf den Rückweg. Bis zur Haustür zähle ich noch vier Katzen.

von Ulrich im Sommer 2022


Du möchtest auch an einem skill tree-Waldspaziergang teilnehmen? Ich freue mich auf ein Kennenlernen oder Wiedersehen.



 

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